Bereits seit sieben Jahren leistet die AWD-Stiftung Kinderhilfe im Rahmen eines Großprojektes humanitäre medizinische Hilfe in Kirgistan. Schon zwölf ärztliche Einsatzteams waren vor Ort und haben im “National Center for Maternity and Childhood Protection” in der Hauptstadt Bischkek Kinder mit Gesichtsfehlbildungen chirurgisch rehabilitiert. In Absprache mit örtlichen Ärzten und Regierungsvertretern wurde damit begonnen, ein interdisziplinäres Behandlungszentrum aufzubauen, das auch die kieferorthopädische und phoniatrische/pädaudiologische Behandlung im Gefolge der operativen Rehabilitierung ermöglicht. Dies kann durch die zentrale Lage eine einzigartige Versorgung für Kinder mit entsprechender gesundheitlicher Beeinträchtigung in Zentralasien bieten. Träger dieses wegweisenden Projektes sind die AWD-Stiftungen Kinderhilfe Schweiz und Deutschland.
Die Behandlung von Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten besteht bisher in Kirgistan weitgehend lediglich im operativen Verschluss der Spaltbildung. Keine Seltenheit sind Kinder, die noch im Schulalter nicht operierte Gaumenspalten haben, sogar gibt es Kinder in diesem Alter mit noch nicht verschlossenen Lippenspalten. Unberücksichtigt bleiben stets sekundäre funktionelle Störungen, wie Hörprobleme, Sprachschwierigkeiten oder Fehlstellungen der Kiefer- und Zahnbögen. Konservative Behandlungsmaßnahmen, wie Sprachheilbehandlung, kieferorthopädische Therapie oder HNO-ärztliche Betreuung der Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, gibt es noch nicht. Daher hat es sich die Stiftung Kinderhilfe zur Aufgabe gemacht, ein interdisziplinäres Behandlungszentrum aufzubauen, dass eine umfassende Behandlung und Betreuung der Kinder von der Geburt an bis ins frühe Erwachsenenalter unter Einschluss aller operativen und konservativen Behandlungsmaßnahmen ermöglicht. “Besonders freut es uns, dass wir dieses Projekt kontinuierlich ausbauen und nachhaltig betreuen können. So können wir in kleinen aber wichtigen Schritten zum Ausbau der Abteilungen zur Nachbehandlung wie der Kieferorthopädie beitragen”, sagt Dr. Martina Adam, Vorstand der Stiftung.
Die medizinische Projektleitung hat Prof. Dr. Dr. med. Jarg-Erich Hausamen (ehemaliger Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover) in enger Kooperation mit Dr. med. Brigitte Winkler, die zugleich den Schweizer Stiftungsrat vertritt. Die administrative Leitung des Projektes liegt bei Dr. Martina Adam, Vorstandsmitglied der AWD-Stiftung Kinderhilfe Deutschland. Die gesamte Projektlogistik wird über die deutsche AWD-Stiftung Kinderhilfe abgewickelt. So auch die anstehende Reise Mitte Juni, die trotz derzeitiger politischer Unruhen im Land möglichst termingenau starten soll. “Wir sind uns der Risiken bewusst, doch gerade in Krisenzeiten leiden vermehrt die Kinder in den Regionen. Umso wichtiger ist uns, dass die anstehende Reise zur medizinischen Hilfe diesen Sommer stattfinden kann um den weiteren Ausbau des medizinischen Zentrums voranzubringen”, betont Dr. Adam.
Hintergrundinformationen:
Die zentralasiatische Republik Kirgistan ist nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in ihrem Übergang zur Marktwirtschaft nach wie vor dringend auf internationale Hilfe angewiesen. Angesichts der geringen Wirtschaftskraft leben noch 34 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Darunter leiden ganz besonders die Kinder. Die deutsche AWD-Stiftung Kinderhilfe arbeitet auf Initiative ihres damaligen Kuratoriums-Mitgliedes Dr. Ernst Albrecht (der bis 2005 den ehemaligen kirgisischen Präsidenten Akajev beriet) bereits seit zehn Jahren vor Ort und kümmerte sich in den vergangenen Jahren in verschiedenen Bereichen um bedürftige Kinder (zuckerkranke Kinder, Waisen, Aidsaufklärung, Straßenkinder). Sie arbeitete dabei bisher eng mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) vor Ort in der Hauptstadt Bischkek zusammen.
Die Lippen-Kiefer-Gaumenspalten (LKG-Spalten) sind eine Gruppe von recht häufigen, angeborenen Fehlbildungen beim Menschen. Ihnen ist gemeinsam, dass sich in der Embryonalentwicklung Teile der Mundpartie nicht normal entwickeln. Umgangssprachlich werden sie diskriminierend oft als “Hasenscharte” (nach dem charakteristischen Spalt in der Oberlippe) oder in der schweren Form als “Wolfsrachen” (schwere anatomische Beeinträchtigung durch Spaltung des Oberkiefer-, Zahn- und Gesichtsskelettes) bezeichnet.
Die vollständige Rehabilitation von Kindern mit LKG-Spalten erfordert nicht nur einen kompletten anatomischen und funktionellen Verschluss der Spaltbildung durch einen operativen Eingriff, sondern auch den Einsatz verschiedener konservativer Behandlungsmaßnahmen. Nur durch eine solche kombinierte Therapie, die eine Langzeitbehandlung von der Geburt bis ins frühe Erwachsenenalter bedingt, sind dauerhafte funktionelle Störungen, wie Sprachprobleme, Schwerhörigkeit als Folge der ungenügenden Ventilation des Mittelohres, Gebissfehlstellungen und Probleme der Nahrungsaufnahme durch Restperforationen im Gaumen, zu vermeiden. Eine solche umfassende Behandlung kann erfahrungsgemäß nur durch ein interdisziplinäres Behandlungsteam in einem Behandlungszentrum erreicht werden. Das ideale Kernbehandlungsteam setzt sich somit aus Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen, Kieferorthopäden und Phoniatern/Pädaudiologen zusammen.
In Kirgistan (rd. 5 Mio. Einwohner) gibt es pro Jahr ca. 250 – 300 Neuerkrankungen, also Kinder, die mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten geboren werden. Diese Kinder müssen alle bis ins Erwachsenenalter versorgt werden. D.h. innerhalb der nächsten zehn Jahre werden rd. 2.500 Kinder und Jugendliche von dem Spaltenzentrum profitieren. Diese Kinder sollen durch das neu erworbene Know-how der einheimischen Chirurgen und Anästhesisten und die Etablierung einer Kieferorthopädie und einer Phoniatrie / Pädaudiologie vor einer dauerhaften schweren Behinderung bewahrt werden. Denn sie sollen nicht nur von einer schweren Entstellung befreit werden, sondern auch normal essen, hören, atmen und sprechen lernen.
Quelle: Offenes-Presseportal
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